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Prospect Theory – ein deskriptives Modell
menschlichen Risikoverhaltens
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Als verbreiteste formalisierte Alternative zur
Erwartungsnutzentheorie wird hier die Prospect Theory ausführlicher
dargestellt. Da sie strukturell vergleichbar ist mit der
Erwartungsnutzentheorie bietet sie für den Leser, der mit
der Erwartungsnutzentheorie nicht vertraut ist, auch eine Einführung
in die methodischen Grundlagen dieser Theorie. Anders als die
Erwartungsnutzentheorie ist die Prospect Theory jedoch eine
deskriptive Theorie menschlichen Risikoverhaltens; sie sagt nicht,
wie man sich verhalten soll, sondern beschreibt, wie sich
Menschen tatsächlich verhalten. Obwohl die Prospect Theory
mittels hypothetischer Lotterien entwickelt wurde, sind ihre Voraussagen keineswegs nur auf das Verhalten unter
Laborbedingungen beschränkt. Sie wurden bestätigt, wenn es für die Versuchspersonen um
Einsätze in der Höhe mehrerer Monatslöhne ging; und auch Experten sind nicht gegen den Einfluss des
Darstellungseffekts gefeit. Die Voraussagen der Prospect Theory bezüglich spezifisch
juristischer Entscheidungen, wie diejenige, einen Vergleich
abzuschliessen, eine Vertragsklausel zu akzeptieren oder Steuern zu
hinterziehen, werden hinten, S. ff., dargestellt.
I.Ein Gedankenexperiment zum Einstieg
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Angenommen, sie haben die Wahl zwischen den folgenden beiden
Optionen:
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ein sicherer Gewinn von Fr. 240;
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eine Chance von 25 %, Fr. 1'000 zu gewinnen und eine Chance von 75%,
nichts zu gewinnen.
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Welche wählen sie? Wenn sie sich wie die grosse Mehrheit
entscheiden, haben sie den sicheren Gewinn gewählt (84 %
aller Versuchspersonen in einem Experiment von Amos
Tversky und Daniel Kahneman wählten die Option a); sie zeigen somit eine Abneigung gegenüber der riskanten
Wahl, wenn es um Gewinne geht (obwohl die riskante Wahl einen
höheren erwarteten Wert von 0,25 ∙ Fr. 1'000 = Fr. 250
hat).
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Welche Option wählen sie, wenn die folgenden beiden
Alternativen zur Auswahl stehen:
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ein sicherer Verlust von Fr. 750;
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eine Chance von 75 %, Fr. 1'000 zu verlieren und eine Chance von
25%, nichts zu verlieren.
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Wenn sie wiederum wie die überwiegende Mehrheit entscheiden,
haben sie in diesem Fall nicht den sicheren Verlust, sondern die
riskante Option d) gewählt (87 % aller Versuchspersonen
entschieden sich für diese Wahl); sie verhalten sich somit risikogeneigt, wenn es um die Wahl zwischen
Verlusten geht. Dieses Verhalten widerspricht der klassischen
ökonomischen Theorie, gemäss der das Risikoverhalten
einzig vom Verhältnis des Vermögens einer Person zur
Grösse der Gewinn- oder Verlustchance abhängen sollte.
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Das beobachtete Verhalten ist nicht auf Spiele mit finanziellen
Einsätzen beschränkt und lässt sich selbst dann
beobachten, wenn die Ergebnisse des „Spiels“ nur anders
dargestellt (framed)
werden, aber objektiv identisch sind, wie der folgende Klassiker aus
der Framing Literatur zeigt:
Stellen sie sich vor, dass sich die USA auf den Ausbruch
einer ungewöhnlichen asiatischen Krankheit vorbereiten, von der
erwartet wird, dass 600 Personen daran sterben werden. Es wurden zwei
verschiedene Pläne vorgeschlagen, die Krankheit zu
bekämpfen. Nehmen sie an, dass die Folgen der beiden Pläne
genau bekannt sind:
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Wenn
Plan A umgesetzt wird, werden 200 Personen gerettet.
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Wenn
Plan B umgesetzt wird, besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem
Drittel (1/3), dass 600 Personen gerettet werden, und eine
Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln (2/3), dass niemand gerettet
wird.
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72 % der Versuchspersonen wählten den Plan A, der 200 Menschen
sicher rettet; wenn beide Alternativen in der Form von „Gewinnen“
dargestellt werden, entscheidet sich daher eine Mehrheit für
die risikolose Wahl. Einer weiteren Gruppe von Versuchspersonen
wurde der gleiche Sachverhalt geschildert, aber ihnen wurden die
folgenden zwei Pläne zur Auswahl angeboten:
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Wenn
Plan C umgesetzt wird, werden 400 Personen sterben.
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Wenn
Plan D umgesetzt wird, besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem
Drittel (1/3), dass niemand sterben wird, und eine
Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln (2/3), dass 600 Menschen
sterben werden.
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In diesem Fall haben 78 % der Versuchspersonen den (riskanten) Plan
D gewählt. Die Pläne A und C und die Pläne B und D sind
offensichtlich identisch. Ihre respektiven Folgen wurden nur
anders dargestellt – bei den Plänen A und B als
„Gewinne“ und bei den Plänen C und D als
„Verluste“. Wie Kahneman und Tversky festgestellt haben, hat die Darstellung (framing)
der Alternativen als Gewinne oder Verluste einen massgeblichen
Einfluss auf das Risikoverhalten; man spricht daher vom
Darstellungseffekt.
A.Das Allais Paradox
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Der französische Ökonom Maurice
Allais wies bereits 1953 darauf hin, dass Menschen
sich nicht gemäss dem (kurz vorher von von
Neumann und Morgenstern zu einem axiomatischen Modell
formalisierten) Erwartungsnutzenmodell verhalten. Kahneman und Tversky haben ihren Versuchspersonen folgende Variationen des Allais-Paradox
(gleicher Aufbau, aber weniger extreme Zahlen als Allais verwendete) zur Auswahl angeboten:
a) Fr. 2'400 auf sicher
b) 33 % Chance, Fr. 2’500 zu gewinnen; und
66 % Chance, Fr. 2’400 zu gewinnen; und
1 % Chance, nichts zu gewinnen.
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82 % der Versuchspersonen wählen Option a) bei der obigen Wahl.
Hingegen ziehen 83 % Option d) vor, wenn sie die Wahl zwischen den
folgenden Alternativen haben:
c) 34 % Chance, Fr. 2’400 zu gewinnen; und
66 % Chance, nichts zu gewinnen.
d) 33 % Chance, Fr. 2’500 zu gewinnen; und
67 % Chance, nichts zu gewinnen.
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Dies verletzt aber das Unabhängigkeits-Axiom der
Erwartungsnutzen-Theorie. Wer Alternative a) der Alternative b)
vorzieht, für den gilt
1 ∙ u(Fr. 2’400) > 0,33 ∙ u(Fr. 2’500) +
0,66 ∙ u(Fr. 2'400) + 0,01 ∙ u(Fr. 0) (2)
was sich vereinfachen lässt zu
0,34 ∙ u(Fr. 2’400) > 0,33 ∙ u(Fr. 2'500) (3)
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Wer bei der zweiten Wahl d) vorzieht, für den gilt
0,33 ∙ u(Fr. 2'500) > 0,34 ∙ u(Fr. 2’400) (4)
und beide Ungleichungen (3) und (4) können offensichtlich nicht
gleichzeitig zutreffen, ganz egal, wie die persönliche
Nutzenfunktion u aussieht.
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Die Verletzung des Unabhängigkeits-Axioms wird ersichtlich,
wenn man das Allais-Paradox
in der erstmals von Leonhard Savage vorgeschlagenen Art und Weise darstellt. Die verschiedenen Ausgänge der Alternativen werden als
verschiedenfarbige Bälle konzeptualisiert, die aus einer Urne
mit 100 Bällen gezogen werden. Bei der Alternative A
erhält der Wählende Fr. 2'400, wenn einer der 66
schwarzen, der 33 weissen oder der eine rote Ball gezogen wird. Bei
der Alternative B erhält er Fr. 2'400, wenn einer der 66
schwarzen Bälle gezogen wird und Fr. 2'500, wenn einer der 33
weissen Bälle gezogen wird, aber nichts, wenn der rote Ball
gezogen wird. Wie aus der leicht ersichtlich ist, ist der Ausgang
des Spiels bei der ersten Wahl, wenn ein schwarzer Ball gezogen
wird, derselbe unabhängig davon, ob der Wählende die
Alternative A oder B gewählt hat. Dasselbe gilt bei der
zweiten Wahl. Es kommt daher nur auf die mit der Ziehung eines
weissen oder des roten Balles verbundenen Ausgänge an. Da diese
Ausgänge bei A und C und bei B und D identisch sind, sollte,
wer bei der ersten Wahl A wählt, bei der zweiten Wahl C wählen.
Wer A und D wählt, bevorzugt in einem Fall 0,34 ∙ Fr.
2'400, im anderen Fall 0,33 ∙ Fr. 2'500.
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Bälle
in der Urne |
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66 schwarze
Bälle |
33 weisse
Bälle |
1 roter
Ball |
Erste Wahl |
A |
Fr. 2’400 |
Fr. 2’400 |
Fr. 2’400 |
B |
Fr. 2’400 |
Fr. 2’500 |
nichts |
Zweite
Wahl |
C |
Nichts |
Fr. 2’400 |
Fr. 2’400 |
D |
Nichts |
Fr. 2’500 |
nichts |
Tabelle
5: Darstellung des Allais-Paradoxes nach Savage (1954)
II.Prospect Theory
A.Referenzpunkt
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Wie vorne, S. , erwähnt, geht das Erwartungsnutzenmodell vom
Vermögensstand als Träger des Nutzens aus. Die
Prospect Theory hingegen nimmt an, dass die Veränderung,
ausgehend von einem Referenzpunkt, entscheidend ist. Gemäss
Prospect Theory wird der Ausgang eines riskanten Spiels, ausgehend
von einem Referenzpunkt, als Gewinn oder Verlust kodiert, wobei die
Nutzenfunktion für Gewinne und Verluste unterschiedlich ist. Welcher Zustand als Referenzpunkt genommen wird, lässt die
Prospect Theory dabei offen (was ihr auch Kritik eingetragen hat).
In den meisten Fällen ist jedoch mit hinreichender Sicherheit
klar, welches der Referenzpunkt ist. Am häufigsten handelt es
sich dabei um den Ist-Zustand, den Status quo. Der andere wichtige
Referenzpunkt, den Menschen für die Kodierung eines Ergebnisses
als Gewinn oder Verlust verwenden, ist der Soll-Zustand (aspiration
level). Ein Anwalt kann sich beispielsweise vornehmen, einen Jahresumsatz
von mindestens Fr. x zu erzielen; alles, was er weniger an Umsatz
erzielt hat, wird als Verlust kodiert, ein Mehrumsatz über das
Erhoffte hinaus als Gewinn. Die meisten Leute neigen dazu, Risiken
zu vermeiden, wenn sie zwischen Optionen wählen, die
Gewinne darstellen, tendieren aber dazu, Risiken einzugehen, um
Verluste zu vermeiden.
B.Wertfunktion
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Die Prospect Theory schlägt zur Abbildung dieses
Risikoverhaltens eine S-förmige Wertfunktion (value
function) vor, die am Referenzpunkt einen Knick
aufweist und für Gewinne konkav und für Verluste konvex
verläuft (siehe ). Die Krümmung bildet das
psychophysikalische Prinzip ab, dass der Unterschied zwischen 0 und
100 subjektiv als grösser empfunden wird als der
Unterschied zwischen 1'000 und 1'100. Der Knick am Referenzpunkt bedeutet, dass Menschen sich im Bereich
möglicher Gewinne risikoscheu (risk
averse), im Bereich möglicher Verluste
aber risikogeneigt (risk seeking)
verhalten.

Abbildung
6: Hypothetische Wertfunktion der Prospect Theory
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Kahneman und Tversky haben ihren Versuchspersonen hunderte von hypothetischen Spielen der
Art des Beispiels am Anfang dieses Kapitels angeboten und die
Eigenschaften der Wertfunktion empirisch bestimmt. Eine typische Wertfunktion – es gibt individuelle
Unterschiede, nicht jeder Mensch hat genau dieselbe Wertfunktion –
lässt sich durch folgende Funktion v abbilden:
xα wenn x > 0
v(x) = (mit typischen Werten von α ≈ 0,88 und λ ≈
2,25) (5)
-λ (-xα) wenn x < 0
1.Loss aversion
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Eine weitere Eigenschaft der Wertfunktion der Prospect Theory ist,
dass sie im Bereich der Verluste steiler verläuft als im
Bereich der Gewinne. Der „Unwert“ eines Verlustes -X1 wird rund doppelt so stark empfunden wie der Wert des gleichen
Gewinns X1 (daher λ ≈ 2,25). Die verstärkte Abneigung gegenüber Verlusten wird als
„loss aversion“
bezeichnet. Loss aversion kann den Status quo Bias erklären. Als Status quo
Bias wird die Neigung bezeichnet, eine Wahl zu
treffen, die den Ist-Zustand erhält oder leicht verbessert.
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Loss aversion wird auch bemüht, um den so genannten Besitztumseffekt
(endowment effect) zu erklären. In einem
typischen Experiment zur Demonstration des Besitztumseffekts erhält
die Hälfte der Versuchspersonen ein Gut – beispielsweise
ein Becher mit dem Logo der Universität – während
die andere Hälfte der Versuchspersonen nichts erhält.
Diejenigen Versuchspersonen, die nichts erhalten haben, werden
gefragt, wie viel sie für einen Becher der Art, wie sie die
andere Gruppe der Versuchspersonen erhalten hat, zu zahlen bereit
wären (Bereitschaft zu kaufen). Die Versuchspersonen, die einen
Becher besitzen (und die sie behalten dürfen), werden gefragt,
zu welchem Preis sie den Becher verkaufen würden (Bereitschaft
zu verkaufen). Gemäss traditioneller ökonomischer Analyse
müssen die Preise der Käufer und Verkäufer im Schnitt
gleich sein, denn die Präferenzen für das Gut hängen
nicht vom Besitz des Gutes ab und sind zufällig verteilt. Da
die Versuchspersonen ebenfalls zufällig auf die beiden
Gruppen verteilt werden, sollte es keinen signifikanten
Unterschied geben. Zahllose Experimente aus über 30 Jahren mit
Gütern wie Schokoriegeln, Schreibstiften, Bechern,
Kinotickets, Jagdpatenten, Atommülldeponien, übel
riechenden Flüssigkeiten, möglicherweise verseuchten
Sandwich und anderen zeigen aber, dass der verlangte Verkaufpreis rund doppelt so hoch ist wie der
angebotene Kaufpreis; dies gilt auch dann, wenn keine Anreize
für strategisches über- resp. untertreiben des
deklarierten Preises bestehen und die Versuchspersonen dies
verstanden haben. Da der beobachtete Unterschied zwischen offeriertem Kaufpreis und
verlangtem Verkaufpreis einzig vom Besitz des Gutes abzuhängen
scheint, wird er als „Besitztumseffekt“ bezeichnet.
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Loss aversion kann den „sofortigen Besitztumseffekt“ „erklären“ – in Anführungszeichen
deshalb, weil damit der Besitztumseffekt letztlich nur auf ein
allgemeineres Phänomen zurückgeführt wird, das
ohne psychologische Begründung bleibt: die Versuchspersonen, die das Gut erhalten haben, betrachten
die Aufgabe des Besitzes als Verlust verglichen mit dem Status quo.
Dagegen betrachten die Versuchspersonen, die kein Gut erhalten
haben, den Erwerb des Gutes, verglichen mit dem Status quo, als
Gewinn. Da ein Verlust gemäss der Wertfunktion der
Prospect Theory rund doppelt so stark empfunden wird wie ein gleich
grosser Gewinn, verlangen die besitzenden Versuchspersonen rund
zwei Mal mehr für die Aufgabe des Gutes, als die
nicht-besitzenden zu zahlen bereit sind (für eine weitere
Erklärung des Besitztumseffekts siehe hinten, S. ff.).
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Loss aversion vermag auch zu erklären, warum die meisten Deutschen nie bereit
wären, für einen höheren Lohn auf ihren gesetzlichen
Urlaubsanspruch (von mindestens 24 Werktagen, § 3
Bundesurlaubsgesetz) zu verzichten, während Amerikaner, die in
der Regel maximal zwei Wochen Urlaub beziehen, nicht bereit
sind, weniger zu verdienen, um mehr Urlaub zu bekommen. Für die
Deutschen sind 24 Tage Urlaub der Status quo, die Aufgabe von
Urlaubstagen wird daher als Verlust kodiert, während für
die Amerikaner die zwei Wochen Urlaub der Status quo sind und mehr
Urlaub ein Gewinn darstellt.
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Warum Verluste doppelt so stark empfunden werden wie
korrespondierende Gewinne, ist bis heute nicht geklärt.
Vertreter der evolutionären Psychologie vermuten, dass Verluste
manchmal den Tod und damit die Nichtweitergabe der eigenen Gene
bedeuteten, während Gewinne die Wahrscheinlichkeit, die eigenen
Gene der nächsten Generation zu vererben, nicht im gleichen
Mass erhöhten. Eine andere evolutionspsychologische Erklärung ist, dass die
Abneigung gegen Verluste eine Form territorialer Verteidigung ist.
Biologische Studien zeigen, dass Tiere viel härter kämpfen,
um ein Revier zu verteidigen, als um es zu erobern. Dies ergibt
wahrscheinlich Sinn, denn das besitzende Tier hat einen grösseren
Nutzen davon, in einem Revier zu bleiben, das es bereits gut kennt
(der Eindringling muss die Kosten der Informationssuche erst
investieren, weshalb der Wert des Reviers für ihn entsprechend
geringer ist). Diese Erklärungen sind faszinierend, sind aber m.E. wie viele
der evolutionspsychologischen „just so“ Geschichten mit
Vorsicht zu geniessen.
C.Gewichtungsfunktion
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Neben der Risikoneigung im Bereich der Verluste haben Kahneman und Tversky noch ein
anderes Verhalten ihrer Versuchspersonen festgestellt: wenn ein
grosser Gewinn sehr unwahrscheinlich ist, verhalten sich Menschen
auch im Bereich der Gewinne risikogeneigt. Die meisten Menschen
ziehen die Option B vor, wenn die Wahl besteht zwischen A = 45 %
Chance, Fr. 6'000 zu gewinnen und B = 90 % Chance, Fr. 3'000 zu
gewinnen. Dies ist ein typischer Fall der Risikoscheu im Bereich der Gewinne;
man zieht den (fast) sicheren kleineren Gewinn einem potenziellem
grösseren Gewinn vor („Lieber den Spatz in der Hand als
die Taube auf dem Dach“). Hingegen ziehen 73 % der
Versuchspersonen die Option C vor, wenn die Wahl besteht zwischen C
= 1 Promille Chance, Fr. 6'000 zu gewinnen oder D = 2 Promille
Chance, Fr. 3'000 zu gewinnen. Auch im zweiten Fall ist die Chance, Fr. 6'000 zu gewinnen, genau
halb so gross wie die Chance, Fr. 3'000 zu gewinnen. Trotzdem
scheint in diesem Fall – wenn beide Chancen sehr gering sind –
die riskante Wahl attraktiver. Die Vorstellung, Fr. 6'000 gewinnen
zu können, lässt die geringe Chance verblassen.
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Um dieses Verhalten ebenfalls durch die Prospect Theory beschreiben
zu können, schlagen Kahneman und Tversky eine
Gewichtungsfunktion (weighing
function) der objektiven Wahrscheinlichkeit vor
(die ursprüngliche Prospect Theory befasste sich nur mit
riskanten Wahlen, d.h. mit der Entscheidung zwischen Spielen, bei
denen die relativen Häufigkeiten der Ergebnisse bekannt sind).
Die Gewichtungsfunktion hat typischerweise – auch hier gibt es
wieder individuelle Unterschiede – die Form gemäss .

Abbildung
7: Gewichtungsfunktion der Prospect Theory (aus Tversky/Kahneman,
1992/2000)
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Die Gewichtungsfunktion hat folgende Eigenschaften:
a) sie verläuft im Bereich der Endpunkte sehr steil, was
bedeutet, dass Menschen sehr sensibel auf eine Veränderung der
Wahrscheinlichkeit in diesem Bereich reagieren. Menschen sind
beispielsweise bereit, mehr Geld auszugeben, ein Risiko von 0,001
auf 0 zu reduzieren als von 0,2 auf 0,15, obwohl die Abnahme des
Risikos im zweiten Fall objektiv grösser ist. Das subjektive
Empfinden kann dazu führen, dass Geld in Sicherheitsmassnahmen
investiert wird, das an einem anderen Ort objektiv viel mehr zur
Sicherheit der Menschen beitragen könnte.
b) geringe objektive Wahrscheinlichkeiten (unter ca. 0,3) werden
tendenziell überschätzt. Bei ungefähr 0,3-0,4 sind
die Leute gut kalibriert, d.h. objektive Wahrscheinlichkeit und
subjektives Empfinden stimmen überein.
c) mittlere und hohe Wahrscheinlichkeiten – über ca. 0,4
– werden tendenziell unterschätzt. Gleichzeitig
verläuft die Kurve im Bereich zwischen ca. 0,5 und 0,9 zu
flach; d.h. wesentliche Änderungen der objektiven
Wahrscheinlichkeit in diesem Bereich bewirken eine nur geringe
Änderung des Entscheidungsgewichts.
d) im Bereich sehr hoher Wahrscheinlichkeiten verläuft die
Kurve wieder sehr steil, was abbildet, dass es subjektiv einen
grossen Unterschied macht, Fr. 1'000 mit einer Wahrscheinlichkeit
von 0,99 zu gewinnen oder mit Sicherheit zu bekommen („certainty
effect“).
e) die Gewichtungsfunktion verläuft zudem für Gewinne und
Verluste leicht unterschiedlich (siehe ); aber für die
(groben) Voraussagen, die aufgrund der Prospect Theory im Bereich
des Rechts getroffen werden können, spielt dieser Unterschied
keine wesentliche Rolle.
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Die Gewichtungsfunktion π lässt sich durch folgende Formel
beschreiben
pγ
π(p) = ──────── wobei
γ ≈ 0,61 für Gewinne (≈ 0,69 für
Verluste) (6)
(pγ + (1-p) γ)1/γ
D.Kombination von Wert- und Gewichtungsfunktion
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Die Prospect Theory postuliert, dass der subjektive Wert V eines
Prospects, d.h. einer Wahl zwischen riskanten Alternativen, aus
objektivem Wert und objektiver Wahrscheinlichkeit resultiert,
die jeweils von der Wert- resp. Gewichtungsfunktion der Prospect
Theory „verzerrt“ werden. Es gilt also
V (x,p) = v(x) ∙ π(p) (7)
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Aus der Kombination von Wert- und Gewichtungsfunktion folgt das
typische vierteilige Risikoverhalten (four
fold risk pattern) der Prospect Theory:
Risikoscheu im Bereich der Gewinne mit mittleren und hohen
Wahrscheinlichkeiten und der Verluste mit geringen
Wahrscheinlichkeiten; risikogeneigt im Bereich der Verluste mit
mittleren und hohen Wahrscheinlichkeiten und der Gewinne mit kleinen
Wahrscheinlichkeiten (siehe ).
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Geringe
Wahrscheinlichkeit |
Mittlere
bis hohe Wahrscheinlichkeit |
Gewinne |
risikogeneigt |
risikoscheu |
Verluste |
risikoscheu |
risikogeneigt |
Tabelle 6:
Risikoverhalten gemäss Prospect Theory
E.Die Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicherheit
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In der Entscheidungstheorie wird zwischen Entscheidungen unter
Risiko und Entscheidungen unter Unsicherheit unterschieden. Entscheidungen unter Risiko sind Entscheidungen, bei denen die
relative Häufigkeit der Ergebnisse des „Spiels“
bekannt sind – typische Beispiele sind Glückspiele, wie
der Wurf einer fairen Münze oder das Rollen eines fairen
Würfels. Eine Wahl ist hingegen unsicher, wenn die objektive
Wahrscheinlichkeit ihrer Ergebnisse nicht bekannt sind – zum
Beispiel ist der Ausgang der Entscheidung, eine Klage einzureichen,
unsicher, denn die Wahrscheinlichkeit, zu obsiegen, lässt sich
nicht mathematisch berechnen. Juristische Entscheidungen sind
typischerweise Entscheidungen unter Unsicherheit, nicht unter
Risiko. Die ursprüngliche Prospect Theory (1979) beschränkt
sich explizit auf die Modellierung riskanter, nicht unsicherer,
Wahlen. Menschen messen einem Ereignis aber oft eine subjektive
Wahrscheinlichkeit bei, selbst wenn sich die Wahrscheinlichkeit des
Eintretens – beispielsweise bei einem singulären Ereignis
– nicht in objektiven Wahrscheinlichkeiten ausdrücken
lässt (näheres zur Unterscheidung von subjektiver und
objektiver Wahrscheinlichkeit hinten, S. 134 ff.). Klienten
verlangen vom Anwalt geradezu eine solche Einschätzung der
Wahrscheinlichkeit des Obsiegens (und Anwälte winden sich, sich
gegenüber dem Klienten auf eine Prozentzahl festzulegen.
Trotzdem hat jeder Anwalt eine – allerdings systematisch
verzerrte, siehe S. 256 – Ahnung, wie der Fall ausgehen
wird). Es hat sich gezeigt, dass die Prospect Theory auch den Umgang
mit subjektiven Wahrscheinlichkeiten gut abbilden kann; die
erweiterte Fassung der Prospect Theory (1992) erlaubt denn auch die
Anwendung der Prospect Theory auf Entscheidungen unter
Unsicherheit. Die Prospect Theory vermag daher auch juristische Entscheidungen,
wie z.B. den Entscheid, Klage einzureichen, zu erklären.
F.Anwendungsbeispiele
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Die Alternativen, die beim Problem der asiatischen Krankheit (S. 52)
zur Wahl stehen, lassen sich mittels Prospect Theory wie folgt
modellieren:
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V(+200; 1) = π(1) ∙ v(+200) = 105,9
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V(+600; 0,33; 0;0,67) = π(0,33) ∙ v(+600) + π(0,67) ∙
v(0) = 96,9
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V(+400; 1) = π(1) ∙ v(-400) = - 438,5
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V(-600; 0,67; 0;0,33) = π(0,67) ∙ v(-600) + π(0,33) ∙
v(0) = - 349,5
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Der subjektive Wert des Planes A ist gemäss Prospect Theory
höher als der subjektive Wert des Planes B; ebenso ist der
subjektive Wert des Planes D höher (weniger negativ) als der
Wert des Planes C. Folglich sagt die Prospect Theory voraus, dass
die meisten Menschen unter den ersten beiden Alternativen A, unter
den beiden zweiten Alternativen aber D wählen. Die „Arbeit“
verrichtet hier in erster Linie die Wertfunktion der Prospect
Theory, deren Knick am Referenzpunkt voraussagt, dass sich Menschen
im Bereich der Verluste risikogeneigt verhalten.
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Das Allais-Paradox
resultiert hingegen in erster Linie aus der Gewichtungsfunktion der
Prospect Theory. Die vier Alternativen des Allais-Paradox
lassen sich gemäss Prospect Theory wie folgt modellieren:
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V(+2'400; 1) = π(1) ∙ v(+2’400) = 943.2
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V(0; 0,01; +2'500; 0,33; +2’400; 0,66)= π(0,33) ∙
v(+2’500) + π(0,66) ∙ v(+2’400) = 806
-
V (+2'400; 0,34; 0; 0,66) = π(0,34) ∙ v(+2’400) =
319.7
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V (+2'500; 0,33; 0; 0,67) = π(0,33) ∙ v(+2’500) =
326.6
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Die Prospect Theory sagt also voraus, dass die meisten Menschen bei
der Wahl zwischen A und B die Option A vorziehen; bei der Wahl
zwischen C und D aber die Option D.
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