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Selbstüberschätzung und overconfidence
I.Selbstüberschätzung
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Menschen neigen dazu, sich und ihre Fähigkeiten egozentrisch
und eigennützig zu beurteilen. Eigene Erfolge werden Können zugeschrieben, Misserfolge
äusseren Umständen. Sie schätzen sich selber
regelmässig als überdurchschnittlich ein in Bezug auf
begehrenswerte Eigenschaften wie Gesundheit, berufliche Fähigkeiten, Autofahren und der Wahrscheinlichkeit, eine glückliche Ehe zu führen. Leute überschätzen ihren Beitrag zu gemeinsamen
Aktivitäten. Beispielsweise nehmen beide Parteien nach einem
Gespräch an, mehr als die Hälfte der Zeit gesprochen zu
haben. Ebenso addieren sich die Anteile, die jeder Partner nach eigener
Einschätzung zur Haushaltsarbeit beigetragen hat, in der
Regel auf mehr als 100 %. Und natürlich unterliegen nur die anderen kognitiven
Täuschungen.
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Selbstüberschätzung hat verschiedene Ursachen. Erstens
sehen sich die meisten Menschen selber als kompetent und sachkundig.
Eine Überschätzung der eigenen Fähigkeiten stimmt mit
diesem Selbstbild überein. Zweitens wollen sich die meisten Menschen in einem guten Licht
darstellen. Sie glauben vielleicht nicht tatsächlich, dass sie besser als
der Durchschnitt sind, aber geben dies gegenüber Dritten an. Drittens suchen sie in erster Linie nach Informationen, die ihre
Annahme – beispielsweise, dass sie sich nicht scheiden lassen
werden – unterstützen (siehe vorne, S. ff.). Da sie
keine vergleichbaren Informationen über die Ehen Dritter
haben, schliessen sie beispielsweise aus den vorhandenen Daten,
dass ihre Ehe überdurchschnittlich ist. Viertens ist Erinnerung eigennützig in dem Sinn, dass eigene
Handlungen besser erinnert werden als fremde Taten. Wenn wir über unseren Anteil an der gemeinsamen Hausarbeit
gefragt werden, erinnern wir uns besser an die Arbeiten, die wir
erledigt haben, und überschätzen daher deren Anteil an der
Gesamtarbeit. Schliesslich sind zahlreiche positive Eigenschaften unklar
definiert, und jeder der Befragten erfüllt daher möglicherweise
seine persönliche Definition der Eigenschaft. Beispielsweise verstehen Personen unter einem guten Autofahrer ganz
Verschiedenes, und daher kann sich jeder einbilden, ein
überdurchschnittlicher Autofahrer zu sein – immer gemäss
seinen persönlichen Kriterien.
II.Overconfidence
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In der Forschung zum Urteilen unter Unsicherheit ist der Begriff overconfidence ein Terminus technicus, der besagt, dass Leute zu grosses Vertrauen
in ihr Urteil haben. In typischen Studien zum overconfidence Phänomen
werden Leute nach dem Wahrheitsgehalt einer Aussage gefragt
(„Winterthur hat mehr Einwohner als St. Gallen: Stimmt/Stimmt
nicht“) und gleichzeitig gebeten, anzugeben, wie sicher sie
sich sind, dass ihre Antwort richtig ist, ausgedrückt auf einer
Skala von 50 % („könnte auch eine Münze werfen„)
bis 100 % („todsicher“). Die so ausgedrückte subjektive Sicherheit wird als „Konfidenz“
bezeichnet. Die Resultate werden typischerweise in einer Kalibrierungskurve
gemäss dargestellt; d.h. man misst die relative Häufigkeit
richtiger Antworten („Richtigkeit“, accuracy)
auf alle Fragen, für die die Versuchspersonen eine bestimmte
Konfidenz angegeben haben, und trägt diesen Wert auf die
Konfidenz ab. Die Diagonale stellt die Norm für die richtige
Kalibrierung dar – einer Konfidenz von 60 % entspricht eine
relative Häufigkeit von 60 % richtigen Antworten, einer
Konfidenz von 80 % eine relative Häufigkeit von 80 % richtigen
Antworten u. s. w. Die Kalibrierungskurve liegt aber typischerweise
unter dieser Diagonalen; d.h. die Verlässlichkeit des eigenen
Wissens wird überschätzt (dies gilt für die
aggregierten Daten; die Kalibrierungskurve lässt nicht den
Schluss zu, dass jeder einzelne Versuchsteilnehmer schlecht
kalibriert ist). Je schwieriger die Frage – d.h. je
seltener die richtige Antwort – desto grösser die overconfidence („unmöglich“ ist eine
Frage, die im Schnitt nicht häufiger als 50 % richtig
beantwortet wird). Bei sehr einfachen Fragen, die von den meisten
Versuchspersonen richtig beantwortet werden, tritt hingegen das
umgekehrte Phänomen der underconfidence auf, d.h. die Leute sind sich ihres Wissens zu wenig sicher. Dies
wird als hard-easy effect bezeichnet. Die Kalibrierung von Experten ist derjenigen von Laien
typischerweise nur überlegen, wenn der Experte eine
schnelle, unmissverständliche Rückmeldung erhält, ob
seine Voraussage richtig gewesen ist – wie dies beispielsweise
bei Meteorologen der Fall ist.

Abbildung
22: Typische Kalibrierungskurven (aus Griffin/Tversky,
1992/2002)
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Je sicherer sich die Versuchspersonen sind, desto grösser ist
die overconfidence. Gerade wenn sich die Probanden zu 100 % sicher sind, dass ihre
Antwort stimmt, ist die overconfidence (gemessen als Konfidenz minus relative Häufigkeit richtiger
Antworten) besonders gross. In den „todsicheren“ Fällen sind in der Regel nur
85-90 % der Antworten richtig. Dies gilt insbesondere auch für
Augenzeugen – der Zeuge, der sich zu 100 % sicher ist, dass er
den Angeklagten am Tatort gesehen hat, irrt sich also in einem von
zehn Fällen.
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Die Forschung zum overconfidence Phänomen, das während zwanzig Jahren als robust gegolten
hatte, ist Anfang der 90-er Jahre von zwei Seiten angegriffen
worden. Die einen Kritiker führen an, dass der beobachtete
Effekt ein statistisches Artefakt ist, die anderen, dass er
verschwindet, wenn die Fragen zufällig ausgewählt werden.
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Das statistische Argument ist, dass sich die richtige Antwort auf
die gestellte Frage aus zwei Komponenten zusammensetzt: der Leistung
der Antwortenden und einem zufälligen Element. Betrachtet man
die Richtigkeit als Funktion der Konfidenz, d.h. sagt man die Anzahl
richtiger Ergebnisse aufgrund des Konfidenz-Levels voraus, so liegen
die aufgrund der Konfidenz vorausgesagten Werte wegen des zufälligen
Elements und der daraus folgenden nicht perfekten Regression
näher beim Mittelwert – m. a. W. beobachtet man eine
Regression zum Mittelwert. Die beobachteten Abweichungen sind nach dieser Ansicht nicht auf
einen systematischen Fehler zurückzuführen, sondern sind
bei jedem zufälligen Fehler zu erwarten und hängen vom
Ausmass des Fehlers resp. der Korrelation zwischen Konfidenz und
richtigen Antworten ab. Wenn das Ausmass des zufälligen Fehlers
bekannt ist – weil die Versuchspersonen die gleiche Frage
mehrmals beantworten und die Unterschiede gemessen werden –
kann man die aufgrund des zufälligen Fehlers erwartete overconfidence berechnen und mit der beobachteten vergleichen. So lässt sich
feststellen, ob die beobachtete overconfidence nur auf den unsystematischen Fehler zurückzuführen ist.
Zwei neue Studien, die diese Methode verwenden, kommen unabhängig
voneinander zum Schluss, dass systematische overconfidence existiert und nicht ausschliesslich durch zufällige Fehler
erklärt werden kann; allerdings fällt sie geringer aus,
als bisher angenommen.
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Der zweite Einwand gegen die traditionelle Forschung zum overconfidence Phänomen ist, dass die Versuchsleiter scheinbar einfache Fragen
verwenden, die aber schwierig sind. Man könnte dies den „Fangfragen-Vorwurf“ nennen.
Nach Gigerenzer et al. konstruiert die Versuchsperson ein Probabilistisches Mentales
Modell, wenn sie mit einer Frage wie „Welche Stadt hat mehr
Einwohner, Münster oder Bremen?“ konfrontiert ist. Wenn
die Versuchspersonen kein sicheres Wissen über die
Einwohnerzahl hat, versucht sie, aus ihr bekannten Hinweisen (cues)
auf die Einwohnerzahl zu schliessen. Die Hinweise „hat
Flughafen“ oder „hat Bundesliga-Verein“ deuten
darauf hin, dass die eine Stadt eine gewisse Grösse hat.
Wenn sie nur bei einer der beiden Städte vorliegen, hat diese
Stadt wahrscheinlich mehr Einwohner. Wenn der Versuchsleiter
nun absichtlich ein Städtepaar für seine Frage auswählt,
bei der nur die kleinere Stadt einen Bundesliga-Verein hat, werden
die Versuchspersonen in die Irre geführt, weil ein in der
ökologischen Realität valider Hinweis plötzlich
wertlos ist. Nach dem Modell von Gigerenzer et al. müsste daher die overconfidence weitgehend verschwinden, wenn den Versuchspersonen repräsentative,
zufällig ausgewählte Fragen gestellt werden; in der
eigenen Untersuchung von Gigerenzer et al. ist dies auch der Fall. Verschiedene unabhängige Studien konnten diese Ergebnisse aber
nicht replizieren. Griffin und Kahneman weisen zudem darauf hin, dass die von Gigerenzer verwendeten Städtevergleichs-Fragen einfacher waren als die
Allgemeinwissensfragen der Kontrollgruppe (72 % richtige gegenüber
53 % richtigen Antworten) und daher auch der bekannte hard-easy
effect das Verschwinden der overconfidence in den Studien von Gigerenzer et al. erklären kann.
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Wenn der Urteilende in Bezug auf Aufgaben, die er aus seiner
Erfahrungswelt kennt, gut kalibriert ist, sollten Experten wie
Psychiater, Ärzte, Investment-Banker, Unternehmer, Manager, Anwälte, Busfahrer und Fussballer ihre Fähigkeit, auf dem Gebiet ihrer jeweiligen Expertise
richtig zu urteilen oder zu handeln (beispielsweise den Kursverlauf
von Aktien vorherzusagen,
Hirnschädigungen oder Krebs korrekt zu diagnostizieren oder mit einem Bus zwischen zwei Pfosten
durchfahren, ohne diese zu berühren) nicht systematisch überschätzen. Die zitierten
Studien zeigen, dass sie dies aber regelmässig tun.
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zeigt die Kalibrierung von amerikanischen und holländischen
Anwälten in tatsächlichen Gerichtsfällen. Sowohl amerikanische wie holländische Anwälte zeigen overconfidence,
wenn sie sich relativ sicher sind, den Fall zu gewinnen, und underconfidence,
wenn sie mit grosser Wahrscheinlichkeit mit einer Niederlage
rechnen. Die holländischen Anwälte sind besser als
die amerikanischen Anwälte in der Lage, zwischen erfolgreichen
und nicht erfolgreichen Fällen zu unterscheiden. Je näher
der Verhandlungstermin rückt – und je mehr sie sich
folglich mit dem Fall beschäftigt haben – desto besser
wird die Kalibrierung der amerikanischen Anwälte. Wenn der
Erfolg persönlich relevant ist, weil die Anwälte auf der
Basis eines Erfolgshonorars arbeiten, ist die overconfidence ausgeprägter: Anwälte, die auf Erfolgsbasis
arbeiteten, erwarten im Schnitt wie die Anwälte, die nach
Stunden abrechnen, in 65 % der Fälle zu gewinnen, gewinnen aber
sehr viel weniger häufig (42 % der Fälle verglichen mit 56
%).

Abbildung
23: Kalibrierung amerikanischer und holländischer Anwälte
(aus Koehler et al., 2002)
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Dass Geschworene sich ihrer Entscheidungen manchmal allzu sicher
sind, steht fest. Hugo Bedau und Michael Radelet berichten von 350 amerikanischen Urteilen, in denen jemand
erwiesenermassen zu Unrecht wegen eines Kapitalverbrechens
verurteilt wurde – obwohl die Geschworenen der Ansicht waren,
die Schuld stehe „beyond
reasonable doubt“ fest. Allerdings verlangt das Recht auch bei Straftaten, die mit der
Todesstrafe bedroht sind, nicht, dass die Schuld mit Sicherheit
feststeht. Bei den 350 Fällen handelt es sich daher
möglicherweise nur um diejenigen Fehlurteile, die man bewusst
in Kauf nimmt, wenn man verlangt, dass die Schuld bloss „mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ feststehen
muss.
III.Kulturelle und geschlechtliche Unterschiede bei
Selbstüberschätzung und overconfidence
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Bei Selbstüberschätzung und overconfidence existieren kulturelle Unterschiede, die sich allerdings nicht
immer in der Richtung bewegen, die man gemeinhin erwarten würde.
So erwarten die meisten Menschen, dass Asiaten weniger zu allzu
grossem Vertrauen in das eigene Urteil neigen wie grossmäulige
Amerikaner. Tatsächlich ist es aber so, dass chinesische,
malaysische und indonesische Studenten mehr overconfident sind als amerikanische. Bei der Einschätzung bezüglich karriererelevanter
Eigenschaften – wie z.B. der Fähigkeit, sich schriftlich
ausdrücken zu können – stufen sich taiwanesische,
indische und amerikanische Studenten als überdurchschnittlich,
japanische und singapurianische Studenten hingegen bescheiden
als leicht unterdurchschnittlich ein. Es besteht kein zwingender Zusammenhang zwischen
Selbsteinschätzung und overconfidence;
so sind die bescheidenen Singapurer sich in ihrem Urteil allzu
sicher, während die ebenfalls bescheidenen Japaner gut
kalibriert sind; die Inder sind bescheidener als die Amerikaner,
sich ihres Urteils aber (fälschlicherweise) viel sicherer als
diese. Lee et al. schreiben
die overconfidence teilweise dem Schulsystem zu; ihrer Auffassung nach führen
Schulsysteme, die grossen Wert auf Auswendiglernen und
Frontalunterricht legen, zu mehr overconfidence als Schulsysteme, die Wert auf Verstehen und Diskussion legen, weil
sich die Absolventen der dogmatischen Systeme nicht gewohnt sind,
Argumente pro und kontra vorzustellen.
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Bei den Geschlechtern hingegen ist der Unterschied so, wie ihn wohl
die meisten erwarten: Männer neigen mehr zu Selbstüberschätzung
und overconfidence als Frauen – und bezahlen dafür auch, in dem sie
beispielsweise ihr Vermögen erwiesenermassen suboptimal
verwalten. Männer neigen vor allem bezüglich als „maskulin“
wahrgenommener Fähigkeiten zur Selbstüberschätzung
(wozu Spekulieren am Aktienmarkt und Autofahren gehören).
IV.Overconfidence und Konfliktlösung
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Es leuchtet unmittelbar ein, dass overconfidence die effiziente Lösung von Konflikten verhindern kann. Wenn beide Parteien überzeugt sind, zu gewinnen, werden sie
sich nicht auf einen Vergleich einigen können. Loewenstein und Kollegen baten Jura-Studierende, die Erfolgsaussichten
einer Klage zu schätzen. Ein Teil der Testpersonen spielte die
Rolle der Kläger, ein anderer Teil diejenige der Beklagten.
Beide Teilgruppen erhielten die gleichen Informationen über den
Fall. Als sie gebeten wurden, vorauszusagen, wie hoch der durch das
Gericht zugesprochene Schadenersatz ausfallen würde, sagten die
Studierenden, die den Fall aus Sicht des Klägers zu
beurteilen hatten, $ 14'527 mehr voraus als die Studierenden, die
den Fall aus beklagtischer Sicht beurteilten. Die Kläger
beurteilten ein Vergleichsangebot als fair, das $ 17'709 über
demjenigen lag, das die Beklagten als fair empfanden. Die eigennützige Wahrnehmung der Fakten führt dazu, dass
ein Vergleich nicht zustande kommt, weil beide Parteien überzeugt
sind, vor Gericht besser abzuschneiden. Da die verzerrte
Wahrnehmung bei selbstrelevanten Informationen stärker ist,
kann es eine wichtige Aufgabe des Anwalts sein, die Perspektive des
neutralen Dritten einzunehmen, um seinen Klienten vor allzu
überzogenen Erwartungen abzubringen.
V.Eigene Studie zur Selbsteinschätzung
A.Frage zur Selbsteinschätzung
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Die Richterinnen und Richter der Kantone Aargau, St. Gallen und
Zürich wurden gebeten, sich selber mit ihren Kollegen und
Kolleginnen zu vergleichen:
Die Qualität eines Richters oder einer Richterin
misst sich unter anderem am Anteil seiner/ihrer Entscheide,
gegen die erfolgreich Berufung oder Rekurs erhoben wird (ob dieses
Kriterium gerechtfertigt ist, bleibe dahingestellt).
Angenommen, es gäbe eine Rangliste aller
schweizerischen Richter und Richterinnen. Zuoberst auf der Liste
stünden die RichterInnen, deren Entscheide am seltensten durch
eine obere gerichtliche Instanz korrigiert werden.
Wo stünden Sie selber auf dieser Liste?
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Zur Auswahl standen vier Möglichkeiten, nämlich „ich
würde zu den besten 25% gehören“, „ich würde
zu den besseren 50% gehören“, „ich würde zu
den schlechteren 50% gehören“ und „ich würde
zu den schlechtesten 25% gehören“.
B.Resultate
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156 der 181 Richterinnen und Richter, die den Fragebogen der ersten
Umfrage zurückgeschickt hatten, beantworteten die Frage
nach der Selbsteinschätzung. Damit zeigte diese Frage die
höchste Ausfallrate der Umfrage 2003. Viele Richter empfanden
es offenbar als unangenehm, sich selber beurteilen zu müssen.
Einige bemerkten, sie könnten die Frage nicht beantworten, da
sie immer im Gremium entscheiden würden.
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Von den 156 Richterinnen und Richtern, die die Frage beantworteten,
stuften sich 20 % (31) im besten Quartil ein, 72 % (112) im
zweitbesten Quartil, 7 % (11) im zweitschlechtesten Quartil und
1,3 % (2) im schlechtesten Quartil. 92 % der Richter stuften sich
selber also als überdurchschnittlich ein – was
offensichtlich nicht zutreffen kann.

Abbildung
24: Selbstüberschätzung: Vergleich Schweiz-USA
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Interessant ist der Vergleich mit den amerikanischen Richtern der
Studie von Guthrie/Rachlinski/Wistrich. Beinahe gleich viele amerikanische wie schweizerische Richter stufen
sich als überdurchschnittlich ein (87,7 % resp. 92 %). Die
schweizerischen Richter stufen sich selber jedoch seltener bei den
Besten ein. Sie unterschätzen die eigene Stellung diesbezüglich
sogar, denn nur 20 % stufen sich bei den besten 25 % ein.
C.Diskussion
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In der Schweiz gibt es fast ausschliesslich überdurchschnittliche
Richter, wenn man der Selbsteinschätzung Glauben schenkt. Ob
die Richter selber überzeugt sind von ihren Antworten,
oder diese nur gaben, um gegenüber Dritten gut dazustehen,
lässt sich aufgrund der Resultate nicht beurteilen. Da die
Richter wussten, dass die Umfrage anonym war, bestand für sie
wenig Anlass, ihre wirkliche Selbsteinschätzung zu verbergen.
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Resultate ähnlicher Studien zeigen, dass Menschen tatsächlich
meist glauben, überdurchschnittlich zu sein. Der Wunsch,
sich selber in einem besseren Licht darzustellen, vermag nur einen
Teil der Resultate zu erklären. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Richter (und hier
sind die Richterinnen für einmal nicht mitgemeint) ihre eigenen
Fähigkeiten tatsächlich überschätzen.
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Bezüglich des Ausmasses der Selbstüberschätzung
scheint es einen wichtigen kulturellen Unterschied zu geben. Die
Schweizer haben offenbar Hemmungen, sich selber als zu den Besten
gehörend zu bezeichnen – selbst in einer anonymen
Befragung. Man ist lieber „im oberen Mittelfeld“ –
geradezu unterdurchschnittlich will man natürlich auch wieder
nicht sein.
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Selbstüberschätzung kann einen Richter dazu verleiten,
dort nicht zu zweifeln, wo er zweifeln sollte. Der Richter beurteilt
möglicherweise die Folge eines Verhaltens als vorhersehbar
oder vermeidbar, die es objektiv nicht war; er lehnt unter Umständen
ein Ausstandsbegehren ab, weil er nicht an seiner Fähigkeit
zweifelt, den Fall objektiv und unparteiisch zu beurteilen.
Generell gesagt macht es Selbstüberschätzung schwieriger
für Richter und Richterinnen, einzusehen und zuzugeben, dass
sie Fehler machen.
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Andererseits ist ein leicht übertriebener Glaube an die eigenen
Fähigkeiten wichtig für die psychische Gesundheit. Zumindest in westlichen Kulturen scheint richtige
Selbsteinschätzung mit leichten Depressionen
einherzugehen. Selbstüberschätzung führt auch zu Selbstsicherheit,
und die meisten Leute ziehen einen selbstsicheren,
entscheidungsfreudigen Richter einem ängstlichen,
unsicheren vor. Unter dem Strich profitiert das Rechtssystem daher
vielleicht von der Tendenz der Richter, sich selber zu
überschätzen.
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