Bestätigungsfehler – oder wir hören nur, was wir hören
wollen
Mark Schweizer
Der Bestätigungsfehler – oder die Bestätigungstendenz – ist
die Neigung, eine vorgefasste Meinung beizubehalten und eine korrespondierende
Abneigung, sie zugunsten einer neuen Überzeugung aufzugeben. Eine
Hypothese kann vorschnell bestätigt werden, wenn man von vorneherein
nur nach bestätigenden Informationen sucht, wenn man ambivalente
Informationen, die sowohl für wie gegen die Hypothese sprechen können,
konsequent als bestätigend auffasst, oder schliesslich, wenn man
zwar bestätigende wie nichtbestätigende Indizien beachtet,
die nichtbestätigendenen Indizien aber ungenügend gewichtet.
Der Artikel stellt die psychologische Forschung zu Bestätigungstendenzen
kurz dar und erläutert, wie sie sich im richterlichen Alltag auswirken
können. Erwähnt wird auch, wie man Bestätigungsfehler
vermeiden kann.
Inhaltsübersicht
[Rz 1] Vereinfacht gesagt wird unter Bestätigungsfehler (
confirmation
bias) die Tendenz des Menschen verstanden, Informationen, die eine
von ihm in Betracht gezogene Hypothese bestätigen, eher zu suchen,
wahrzunehmen, stärker zu gewichten oder besser in Erinnerung zu behalten
als Informationen, die gegen die Hypothese sprechen.
1 Noch
allgemeiner formuliert liegt eine Bestätigungstendenz vor, wenn die
Neigung besteht, eine vorgefasste Meinung beizubehalten und eine korrespondierende
Abneigung, sie zugunsten einer neuen Überzeugung aufzugeben.
2
[Rz 2] Eine vorschnelle Bestätigung einer Hypothese kann daraus resultieren,
dass (a) von vorneherein nur solche Informationsquellen gesucht werden,
von denen bestätigende Informationen zu erwarten sind; (b) ambivalente
Informationen, die sowohl für wie gegen die Hypothese sprechen können,
konsequent als bestätigend aufgefasst werden; (c) sowohl bestätigende
wie nichtbestätigende Informationen beachtet werden, die nichtbestätigendenen
Informationen aber ungenügend gewichtet werden.
3 Die
drei Eigenschaften menschlicher Informationsverarbeitung werden nachfolgend
erklärt; anschliessend werden die Folgen der verzerrten Informationsverarbeitung
dargestellt, und schliesslich wird versucht aufzuzeigen, wie ihnen entgegengewirkt
werden kann.
I. Bestätigende Informationen werden bevorzugt gesucht
^
[Rz 3] Zahlreiche Studien weisen nach, dass sowohl Gruppen wie Individuen
verstärkt nach Informationen suchen, die eine vorgefasste Meinung
bestätigen.
4 Wurde den Freiwilligen
in einer Studie beispielsweise gesagt, dass sie in einem Intelligenztest
schlecht abgeschnitten hätten, lasen sie aus einer Auswahl von Zeitungsartikeln
zu IQ-Tests vermehrt diejenigen, die die Zuverlässigkeit von IQ-Tests
in Frage stellten.
5 Versuchspersonen
in einer anderen Studie, die von einem Vorgesetzen eine ausgezeichnete
Qualifikation erhalten hatten, waren mehr interessiert an Hintergrundmaterial
zum Vorgesetzen, das dessen Führungsqualitäten bestätigte,
als solchem, das es in Frage stellte.
6 Die
bestätigende Tendenz ist umso stärker, je mehr die Versuchspersonen
an der zu überprüfenden Hypothese hängen.
[Rz 4] Cloyd und Spilker haben die bestätigende Informationssuche
im juristischen Kontext untersucht.
7 71
Steuerberatern der (damals noch) Big Five Buchprüfungsfirmen, die
im Schnitt rund 2,5 Jahre Berufserfahrung hatten, wurde der gleiche Sachverhalt
vorgelegt, gemäss dem ein fiktiver Klient ein Grundstück verkauft
hatte. Der Hälfte der Versuchspersonen wurde gesagt, dass der Klient
beim Verkauf einen Gewinn von einer halben Million Dollar gemacht habe;
der anderen Hälfte, dass er einen Verlust in gleicher Höhe erlitten
habe. Der Klient, der einen Gewinn gemacht hat, möchte als «Investor» im
Sinne des anwendbaren Steuerrechts behandelt werden, weil dann der Gewinn
als Kapitalgewinn steuerfrei ist. Umgekehrt möchte der Klient, der
einen Verlust erlitten hat, als «Händler» qualifiziert
werden, weil er dann den geschäftsmässigen Verlust vom Einkommen
absetzen kann. Der Sachverhalt liess beide Qualifikationen zu.
8
[Rz 5] Die Versuchspersonen hatten eine halbe Stunde Zeit, eine Datenbank
nach einschlägigen Urteilen zu durchsuchen und die Urteile abzuspeichern,
die sie in einem Memorandum zur Frage zitieren würden. Die speziell
erstellte Datenbank enthielt gleich viele Urteile, in denen ein Gericht
erkannt hatte, dass ein Steuerpflichtiger als Investor zu behandeln ist,
wie Urteile, in denen erkannt wurde, dass er als Händler zu behandeln
ist.
9
[Rz 6] Die Steuerberater, die glaubten, ihr Klient würde von einer
Qualifikation als Investor profitieren, studierten im Schnitt während
16,6 Minuten Urteile, in denen ein Steuerpflichtiger als Investor qualifiziert
wurde, aber nur während 6,2 Minuten Urteile, in denen entschieden
wurde, dass der Steuerpflichtige ein Händler ist. Sie speicherten
im Schnitt drei Mal mehr «Investor» Fälle als «Händler» Fälle
ab. Umgekehrt analysierten diejenigen Steuerberater, deren Klient gerne
als Händler angesehen würde, länger «Händler».
Sie speicherten auch mehr «Händler» als «Investor» Fälle
ab.
10
[Rz 7] Die Versuchspersonen wurden anschliessend gefragt, wie gross die
Chance sei, dass ein Gericht die vom Klienten bevorzugte Sicht einnehmen
würde. Die Gruppe «Händler» sah eine Chance von 49%, dass der Klient als Händler qualifiziert würde, während
die Gruppe «Investor» eine Chance von 66% sah, dass der Klient
als Investor eingestuft würde. Die tatsächliche Wahrscheinlichkeit
sollte selbstverständlich nicht von der Präferenz des Klienten
abhängen. Weniger als 11% der Versuchspersonen gaben eine Wahrscheinlichkeit
zwischen 33% und 66% an, die bei einem ausgewogenen Sachverhalt und neutraler
Beurteilung zu erwarten wäre.
11 Die
unterschiedliche Beurteilung ist in erster Linie auf die verzerrte Informationssuche
zurückzuführen.
12
[Rz 8] In einer weiteren Studie verwendeten Cloyd und Spilker einen Sachverhalt,
der eigentlich nur den Schluss zuliess, dass der Klient als Händler
einzustufen ist (vier neutrale Experten beurteilten unabhängig die
Wahrscheinlichkeit, dass der Klient in diesem Fall von einem Gericht als «Investor» behandelt
würde, als sehr gering). Allen Versuchspersonen der zweiten Studie
wurde gesagt, dass der Klient eine Behandlung als Investor vorziehen würde,
weil er einen Gewinn gemacht hatte. 46% der Versuchspersonen empfahlen,
dass der Klient als Investor abrechnen sollte. Sie verbrachten signifikant
mehr Zeit mit der Suche nach Urteilen, in denen Gerichte erkannt hatten,
dass der Steuerpflichtige als Investor zu betrachten ist und speicherten
signifikant mehr «Investor» Urteile ab als die Versuchspersonen,
die zur Entscheidung gelangten, dass der Klient als Händler abrechnen
sollte.
13 Aufgrund der Korrelation
zwischen Suchverhalten und Empfehlung darf geschlossen werden, dass das
verzerrte Suchverhalten die (allzu aggressive) Empfehlung verursachte.
14
II. Ambivalente Informationen werden als Bestätigung interpretiert
^
[Rz 9] Nicht jedes Beweismittel spricht eindeutig für oder gegen eine
Hypothese. Gerade im Recht sind Informationen häufig, die so oder
anders interpretiert werden können. Siehe nur das folgende Gedankenexperiment
von Curt Goetz:
15
Sie gehen nachts spazieren und finden einen Mann in einer Blutlache
liegen. Sie knien nieder ... ziehen ein Messer aus der Brust ... In diesem
Augenblick hören sie Schritte, und plötzlich kommt ihnen ihre
Situation zu Bewusstsein: ... der Tote kann nicht mehr für sie zeugen – und
sie rennen davon, wie von Furien gejagt. Aber man fängt sie.
[Rz 10] Curt Goetz wünscht dem Betroffenen, dass er auf psychologisch
geschulte Richter trifft. Man könnte auch sagen, auf Richter, die
sich bewusst sind, dass Menschen die Neigung haben, ambivalente Informationen
im Sinne der von ihnen als wahrscheinlich erachteten Hypothese zu interpretieren.
16 Es
ist offensichtlich, dass die Informationen in Goetz' Gedankenexperiment
ganz unterschiedlich bewertet werden können, je nachdem, ob man an
die Schuld oder Unschuld des Gefassten glaubt. In gleicher Weise beurteilen
pro-israelische und pro-arabische Fernsehzuschauer die gleiche Berichterstattung
zum Nahen Osten als jeweils ihre Seite benachteiligend,
17 Demokraten
und Republikaner sehen einen anderen Sieger in der gleichen Fernsehdebatte,
18 und
Studierende von Dartmouth und Princeton sehen im gleichen Fussballspiel
jeweils mehr unfaires Verhalten der gegnerischen Mannschaft.
19
[Rz 11] Das berühmteste Experiment zur Interpretation von Fakten im
Lichte der eigenen Theorie stammt von Lord, Lepper und Ross.
20 Sie
wählten Versuchspersonen aus, die entweder Befürworter oder Gegner
der Todesstrafe waren. Die Versuchspersonen erhielten zwei Studien zur
Lektüre, die scheinbar empirische Belege für oder gegen die Todesstrafe
lieferten. Sowohl Befürworter wie Gegner der Todesstrafe bewerteten
die Studie, die ihre Position stützte, als überzeugender und
besser durchgeführt als die Studie, die gegen ihre Position sprach.
Weiter führte die Lektüre beider Studien dazu, dass die Überzeugungen
der beiden Gruppen noch mehr polarisiert wurden; d.h.
sowohl Befürworter
als auch Gegner waren nach Kenntnis aller Beweismittel – auch derjenigen,
die ihrer Position widersprachen – von ihrer Position überzeugter
als zuvor. Diese Polarisierung entstand dadurch, dass die Überzeugung
der Versuchspersonen jedes Mal erheblich zunahm, wenn sie ein Argument
für ihre
Position lasen, aber nur unwesentlich abnahm, wenn sie ein widersprechendes
Argument lasen. Koehler hat in einer ähnlichen Studie Anhänger
und Gegner parapsychologischer Phänomene gebeten, die Qualität
von wissenschaftlichen Untersuchungen solcher Phänomene zu bewerten.
Beide Gruppen bewerteten Studien, die ihre Position stützten, als
qualitativ besser.
21
[Rz 12] Zwei Drittel der Versuchspersonen von Koehler gaben an, dass ihre
Bewertung von ihrer Einstellung zu den untersuchten Phänomenen nicht
beeinflusst werde; 85% meinten, dass ihre Bewertung nicht von der Einstellung
beeinflusst werden sollte.
22 Koehler
weist (wie bereits Lord et al.) darauf hin, dass beide Aussagen falsch
sind.
23 Es ist normativ richtig,
die Resultate einer Studie mit einer gesunden Portion Skepsis zu betrachten,
wenn sie einem theoretisch gut fundiertem, durch zahlreiche unabhängige
Experimente bestätigtem (richtiger: nicht falsifiziertem) Modell widersprechen.
Wenn ein unbekannter Wissenschafter berichtet, dass Schweine fliegen können,
ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Unrecht hat, grösser, als dass
alle Zoologen der Menschheitsgeschichte falsch lagen.
[Rz 13] Problematisch wird die Skepsis dann, wenn der Urteilende zwischen
zwei Theorien entscheiden muss, die beide durch die vorliegenden (ambivalenten)
Daten gestützt werden können, wenn man die Daten nur «richtig» liest
und keine der beiden Theorien
a priori eine grössere Überzeugungskraft
besitzt. Dies ist aber genau die Situation, in der sich der Richter oft
befindet, wenn er über die Stichhaltigkeit der Theorien von Anklage
und Verteidigung, von Kläger und Beklagtem, entscheiden muss. In diesem
Fall fällt der Entscheid – in Grenzfällen – regelmässig
auf die Seite, die der Richter, und sei es auch nur als «Arbeitshypothese»,
ursprünglich als zutreffend erachtet.
24 Dies
kann beispielsweise die These sein, die durch die zuerst vorgebrachten
Beweismittel gestützt wird.
25
III. Bestätigende Informationen werden stärker gewichtet
als widersprechende Informationen
^
[Rz 14] Beweismittel, die für eine Arbeitshypothese sprechen, werden
besser wahrgenommen, erinnert und stärker gewichtet als Beweismittel,
die gegen die These sprechen.
26 Nach
Gadenne und Oswald werden hypothesenbestätigende Informationen zu
stark gewichtet, während hypothesekonträre Informationen erst
als wichtig wahrgenommen werden, wenn sie der Hypothese deutlich widersprechen.
Auch bei stärkster konträrer Information bleibt die anfängliche
Hypothese immer noch am stärksten; erst der deutliche Hinweis auf
eine alternative Erklärung vermag den Effekt (weitgehend) zum Verschwinden
zu bringen.
27 Gemäss einer
Studie von Schum und Martin neigen Menschen dazu, bei der globalen Bewertung
der Beweismittel konträre Beweismittel schlicht zu ignorieren oder
als hypothesenbestätigend zu interpretieren.
28 Man
hat die Tendenz, sich darauf zu konzentrieren, wie gut die Beweismittel
eine Hypothese stützen, und vergisst dabei zu überlegen, wie
gut die gleichen Beweismittel auch mit einer alternativen Hypothese in
Einklang stehen.
29
[Rz 15] Linda Johnson legte 109 Steuerberatern vier Gerichtsurteile zu
einer umstrittenen steuerlichen Abgrenzungsfrage vor. Der Sachverhalt blieb
bei jedem Urteil immer derselbe, aber der Ausgang des Verfahrens wurde
so manipuliert, dass in jeder Versuchsgruppe zwei andere Fälle zu
einem für den Klienten günstigen Schluss kamen. Die Versuchspersonen
wurden gebeten, die Relevanz der Urteile – die in erster Linie davon
abhängt, ob die Fälle wegen des übereinstimmenden Sachverhalts
gute Präjudizien sind – für den von ihnen zu beurteilenden
Fall zu bewerten. Urteile, die zu einem für den Klienten positiven
Schluss kamen, wurden als relevanter beurteilt; diese Tendenz beeinflusste
wiederum die Beurteilung der Prozesschancen durch die Steuerberater.
30
[Rz 16] Auch eine Studie von Babcock et al. belegt den Einfluss, den die
Perspektive auf die Beurteilung der Prozesschancen haben kann. Nach dem
traditionellen ökonomischen Modell hängt es in erster Linie von
der Einschätzung des Prozessausgangs durch die Parteien ab, ob die
Parteien sich aussergerichtlich einigen. Die korrekte Voraussage des richterlichen
Urteils hängt wiederum von den Fähigkeiten der Parteien ab, die
Stärken und Schwächen ihres Falles unvoreingenommen zu beurteilen.
Wenn bereits die Wahrnehmung des Falles verzerrt ist, werden auch die Urteilserwartungen
systematisch verzerrt sein, und es kommt seltener zum Vergleich.
[Rz 17] Babcock et al. haben genau diese verzerrte Einschätzung der
eigenen Prozesschancen nachgewiesen.
31 Wenn
alle Versuchspersonen
zuerst die Unterlagen studierten und
dann zufällig
in die Gruppen «Beklagte» oder «Kläger» eingeteilt
wurden, einigten sich 94% der Paare auf einen Vergleich. Wurden die Versuchspersonen
vor der
Lektüre der Unterlagen in die Gruppen «Beklagte» und «Kläger» eingeteilt,
so einigten sich nur 72% der Verhandelnden; ein signifikanter Unterschied.
32 Die
Differenz zwischen dem vom Kläger und dem vom Beklagten erwarteten
Urteil war im ersten Fall nur $ 6'936, im zweiten Fall aber $ 18'555. Die
Lektüre des Sachverhalts aus der Sicht einer Partei hatte die Wahrnehmung
der Versuchspersonen so verändert, dass ihre Einschätzung des
Prozessausgangs systematisch zu ihren Gunsten verzerrt war.
33
IV. Folgen der Bestätigungstendenzen
^
A. Festhalten an einer diskreditierten Hypothese (belief perseverance)
^
[Rz 18] Als
belief perseverance wird das Phänomen bezeichnet,
dass Leute selbst an einer völlig diskreditierten Theorie festhalten.
34 In
der bekanntesten Studie zur
belief perseverance wurden Versuchspersonen
gebeten, echte von unechten suizidalen Abschiedsbriefen zu unterscheiden.
Der «Erfolg» der Versuchspersonen war dabei rein zufällig
und hing von der Gruppe ab, der sie zugeteilt waren. Auch nachdem sie darüber
aufgeklärt worden waren, beurteilten die Versuchspersonen in der «Erfolgs»-Gruppe
ihre Fähigkeit, ähnliche Aufgaben zu lösen, höher als
die Versuchspersonen in der «Misserfolgs»-Gruppe. Zahlreiche
weitere Studien bestätigen den ursprünglichen Befund von Ross
et al.
35
B. Einfluss der Reihenfolge der Beweismittel (primacy effect)
^
[Rz 19] Die ursprüngliche Hypothese, die die Wahrnehmung und/oder
Gewichtung von Beweismitteln beeinflusst, muss erst einmal generiert werden.
Nicht in allen Fällen hat der Urteilende von vorneherein eine Meinung
zum Thema; gerade im juristischen Bereich dürfte er häufig vorerst
unvoreingenommen sein. Die Forschung zum
primacy effect legt nahe,
dass die Hypothese, die von dem oder den ersten Beweismitteln favorisiert
wird, zur Arbeitshypothese wird und die Bewertung der weiteren Beweismittel
beeinflusst.
36
C. Zu grosse Sicherheit im Urteil (overconfidence)
^
[Rz 20] Die ungenügende Berücksichtigung und Gewichtung widersprüchlicher
Informationen kann dazu führen, dass sich der Entscheidende seiner
Sache zu sicher ist.
37 Frauen,
die weniger zur Selbstüberschätzung neigen als Männer, bewerten
hypothesenkonträre Informationen als wichtiger und empfinden (daher)
die zu beurteilende Frage als schwieriger, was zu entsprechend geringerer
empfundener Sicherheit bezüglich der Richtigkeit ihrer Antwort führt.
38 Die
Annahme, dass die einseitige Gewichtung der Argumente zu allzu grosser
Gewissheit führt, dass das eigene Urteil richtig ist, wird durch Experimente
gestützt, in denen die Versuchspersonen gezwungen werden, Gründe
aufzulisten, die gegen die von ihnen getroffene Entscheidung sprechen.
39 Wenn
sie dies tun, stimmt ihre Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass
ihr Urteil richtig ist, eher mit der tatsächlichen Häufigkeit
richtiger Urteile überein.
40
V. Was kann man gegen Bestätigungstendenzen unternehmen?
^
A. Kontrafaktisches Denken (counterfactual reasoning)
^
[Rz 21] Als Strategie zur Vermeidung von Bestätigungstendenzen – und
anderen kognitiven Täuschungen – hat sich das im Englischen
als
counterfactual reasoning bezeichnete Denken bewährt,
das sich nur schlecht mit «kontrafaktisches Denken» ins Deutsche übersetzen
lässt.
41 Wenn man kontrafaktisch
denkt, stellt man sich vor, welche Bedingungen hätten vorhanden sein
müssen, damit ein Ereignis nicht eingetreten wäre.
42 Kontrafaktische
Gedanken rekonstruieren die Vergangenheit und werden meist durch Sätze,
die mit «wenn (ich) doch nur (nicht)» beginnen, ausgedrückt.
Das Nachdenken darüber «was hätte sein können» beeinflusst,
wie wir über eine zukünftige Situation denken. Es schärft
das Bewusstsein dafür, dass man mehr als eine Möglichkeit in
Betracht ziehen sollte, ehe man eine Entscheidung fällt.
43 Aktiv
und bewusst Gründe zu suchen, die
gegen die Erklärung/Hypothese
sprechen, schärft den Blick für Informationen, die der ersten
Erklärung widersprechen und gerne unter den Tisch gewischt werden.
44 Es
trägt dazu bei, die vorhandenen Informationen ausgewogener zu gewichten
und wirkt daher einer der Ursachen von Bestätigungstendenzen entgegen.
B. Alternative Erklärungen generieren und testen
^
[Rz 22] Alles deutet darauf hin, dass die Beachtung einer alternativen
Hypothese den Bestätigungsfehler stark verringert oder gar verschwinden
lässt.
45 Erfolgreiche Versuchspersonen
zeichnen sich dadurch aus, dass sie mehrere Hypothesen generieren und testen.
46 Die
Bevorzugung hypothesenbestätigender Informationen verschwindet, wenn
die Versuchspersonen auf eine alternative Hypothese hingewiesen werden.
47 Man
sollte daher immer versuchen, sich alternative Erklärungen für
die beobachteten Fakten vorzustellen und zu testen. Beispielsweise kann
es nach Lektüre der Anklageschrift scheinen, dass die vorhandenen
Beweismittel die Anklage stützen. Aber: lassen sich die gleichen Beweismittel
auch mit der Version des Angeklagten vereinbaren? Falls ja, stützen
sie die Anklageschrift eben nicht.
48
[Rz 23] Auf keinen Fall sollte man sich frühzeitig gegenüber
Dritten oder gar der Öffentlichkeit auf eine Hypothese festlegen;
je grösser das
commitment gegenüber einer Hypothese,
desto unangenehmer ist es, die Hypothese wieder aufgeben zu müssen,
und desto grösser die unbewusste Tendenz, alles zu tun, um dies zu
vermeiden. Alternative Hypothesen können auch durch einen
advocatus
diaboli generiert werden, da es manchmal schwierig ist, sich alternative
Hypothesen vorzustellen, wenn man sich bereits auf eine Erklärung
eingeschossen hat.
| 1 |
Nach Klaus Fiedler, Beruhen Bestätigungsfehler
nur auf einem Bestätigungsfehler?, Psychologische Beiträge
1983, 280-286, 282.
|
| 2 |
Joshua Klayman, Varieties of Confirmation Bias,
in: Jerome Busemeyer/Reid Hastie/Douglas L. Medin (Hrsg.), Decision
Making From a Cognitive Perspective, New York 1995, 385-418, 386.
|
| 3 |
Volker Gadenne, Der Bestätigungsfehler und
die Rationalität kognitiver Prozesse, Psychologische Beiträge
1982, 11-25, 13.
|
| 4 |
Nachweise bei Eva Jonas/Stefan Schulz-Hardt/Dieter
Frey, Konfirmatorische Informationssuche bei simultaner vs. sequentieller
Informationsvorgabe, Zeitschrift für Experimentelle Psychologie
2001, 239-247.
|
| 5 |
Dieter Frey/Dagmar Stahlberg, Selection of Information
After Receiving More or Less Reliable Self-Threatening Information,
Personality and Social Psychology Bulletin 1986, 434-441.
|
| 6 |
Brynda Holton/ Tom Pyszczynski, Biased Information
Search in the Interpersonal Domain, Personality and Social Psychology
Bulletin 1989, 42-51.
|
| 7 |
C. Bryan Cloyd/Brian C. Spilker, The Influence of
Client Preferences on Tax Professionals? Search for Judicial Precedents,
Subsequent Judgments and Recommendations, The Accounting Review
1999, 299-322.
|
| 8 |
Cloyd/Spilker, FN 7, 307.
|
| 9 |
Cloyd/Spilker, FN 7, 307.
|
| 10 |
Cloyd/Spilker, FN 7, 309.
|
| 11 |
Cloyd/Spilker, FN 7, 310.
|
| 12 |
Cloyd/Spilker, FN 7, 313.
|
| 13 |
Cloyd/Spilker, FN 7, 316.
|
| 14 |
Dieser Schluss von Korrelation auf Kausation ist
hier zulässig, weil in dem Laborexperiment die übrigen
Variablen kontrolliert werden konnten.
|
| 15 |
Zitiert nach Rolf Bender /Armin Nack, Tatsachenfeststellung
vor Gericht, Bd. 1 Glaubwürdigkeits- und Beweislehre, 2. Aufl.
München 1995, X.
|
| 16 |
Zu dieser Tendenz Lee Ross/Craig A. Anderson, Shortcomings
in the Attribution Process, in: Daniel Kahneman/ Paul Slovic/Amos
Tversky, (Hrsg.), Judgment Under Uncertainty:
Heuristics and Biases, Cambridge 1982, 129-152, 144 ff.; Klayman,
FN 2, 394.
|
| 17 |
Robert P. Vallone/Lee Ross/Mark R. Lepper, The Hostile
Media Bias: Biased Perception and Perceptions of Media Bias in
Coverage of the Beirut Massacre, Journal of Personality and Social
Psychology 1985, 577-585.
|
| 18 |
Lee Sigelman/Carol K. Sigelman, Judgments of the
Carter-Reagan Debate: The Eyes of the Beholders, Public Opinion
Quarterly 1984, 624-628.
|
| 19 |
Albert Hastorf/Hadley Cantril, They Saw a Game:
A Case Study, Journal of Abnormal and Social Psychology 1954, 129-134.
|
| 20 |
Charles G. Lord/Lee Ross/Mark R. Lepper, Biased
Assimilation and Attitude Polarization: The Effects of Prior Theories
on Subsequently Considered Evidence, Journal of Personality and
Social Psychology 1979, 2098-2109.
|
| 21 |
Jonathan J. Koehler, The Influence of Prior Beliefs
on Scientific Judgements of Evidence Quality, Organizational Behavior
and Human Decision Making Processes 1993, 28-55; siehe auch Tom
Pyszczynski/Jeff Greenberg, Toward an Integration of Cognitive
and Motivational Perspectives on Social Inference: A Biased Hypothesis
Testing Model, in: Leonard Berkowitz (Hrsg.), Advances in Experimental
Social Psychology, Vol. 30, San Diego etc. 1987, 297-340, 329.
|
| 22 |
Koehler, FN 21, 45 f.
|
| 23 |
Lord/Ross/Lepper, FN 20, 2106; Koehler, FN 21, 30
f.
|
| 24 |
Derek J. Koehler, Explanation, Imagination, and
Confidence in Judgment, Psychological Bulletin 1991, 499-519.
|
| 25 |
Donald C. Pennington, Witnesses and Their Testimony:
Effects of Ordering on Juror Verdicts, Journal of Applied Social
Psychology 1982, 318-333.
|
| 26 |
Richard Nisbett/Lee Ross, Human Inference: Strategies
and Shortcomings of Social Judgment, Englewood Cliffs 1980, 181
f.; Margrit E. Oswald, Hypothesentesten: Suche und Verarbeitung
hypothesenkonformer und hypothesenkonträrer Informationen,
in: Wolfgang Hell/Klaus Fiedler/Gerd Gigerenzer (Hrsg.), Kognitive
Täuschungen: Fehl-Leistungen und Mechanismen des Urteilens,
Denkens und Erinnerns, Heidelberg 1993, 189-212, 197; Klayman,
FN 2, 395; Raymond S. Nickerson, Confirmation Bias: A Ubiquitious
Phenomenon in Many Guises, Review of General Psychology 1998, 175-220,
178; jeweils mit zahlreichen Hinweisen.
|
| 27 |
Volker Gadenne/Margrit Oswald, Entstehung und Veränderung
von Bestätigungstendenzen beim Testen von Hypothesen, Zeitschrift
für experimentelle und angewandte Psychologie 1986, 360-374.
|
| 28 |
David A. Schum/Anne W. Martin, Formal and Empirical
Research on Cascaded Inference, Law and Society Review 1982, 105-151;
Nachdruck in: Reid Hastie (Hrsg.), Inside the Juror, Cambridge
1993, 136-174, 164.
|
| 29 |
Dale Griffin/Amos Tversky, The Weighing of Evidence
and the Determination of Confidence, Cognitive Psychology 1992,
411-435.
|
| 30 |
Linda M. Johnson, An Empirical Investigation of
the Effects of Advocacy on Preparers' Evaluations of Judicial Evidence,
Journal of the American Taxation Association 1993, 1-22.
|
| 31 |
Linda Babcock/George Loewenstein/Samuel Issacharoff/Colin
Camerer, Biased Judgments of Fairness in Bargaining, American Economic
Review 1995, 1337-1342.
|
| 32 |
Babcock/Loewenstein/Issacharoff/Camerer, FN 31,
1340.
|
| 33 |
Siehe auch George Loewenstein/Samuel Issacharoff/Colin
Camerer/Linda Babcock, Self-Serving Assessments of Fairness and
Pretrial Bargaining, Journal of Legal Studies 1993, 135-159.
|
| 34 |
Lee Ross/Mark R. Lepper/Michael Hubbard, Perseverance
in Self Perception and Social Perception: Biased Attributional
Processes in the Debriefing Paradigm, Journal of Personality and
Social Psychology 1975, 880-892.
|
| 35 |
Nachweise bei Nickerson, FN 26, 187; Ross/Nisbett,
FN 26, 175 ff.
|
| 36 |
Der recency effect wurde erstmals von Solomon
Asch, Forming Impressions of Personality, Journal of Abnormal and
Social Psychology 1946, 258-290, 270 f., beschrieben. Nachweise
weiterer Studien bei Nisbett/Ross, FN 26, 172 ff.; Nickerson, FN
26, 187. Spezifisch juristische Fragestellung bei Pennington, FN
25.
|
| 37 |
Nickerson, FN 26, 189.
|
| 38 |
Janne Chung/Gary S. Monroe, Gender Differences in
Information Processing: An Empirical Test of the Hypothesis-Confirming
Strategy in an Audit Context, Accounting and Finance 1998, 256-279.
|
| 39 |
Asher Koriat/Sarah Lichtenstein/Baruch Fischhoff,
Reasons for Confidence, Journal of Experimental Psychology: Human
Learning and Memory 1980, 107-118.
|
| 40 |
Koriat/Lichtenstein/Fischhoff, FN 39, 110.
|
| 41 |
Laura J. Kray/Adam D. Galinsky, The Debiasing Effect
of Counterfactual Mind-Sets: Increasing the Search for Disconfirmatory
Information in Group Decisions, Organizational Behavior and Human
Decision Processes 2003, 69-81.
|
| 42 |
Daniel Kahneman/Amos Tversky, The Simulation Heuristic,
in: Kahneman/Slovic/Tversky (Hrsg.), FN 16, 201-208, 203.
|
| 43 |
Kray/Galinsky, FN 41, 70.
|
| 44 |
Koriat/Lichtenstein/Fischhoff, FN 39, 109.
|
| 45 |
Gadenne/Oswald, FN 27, 372; Klayman, FN 2, 405;
Clifford R. Mynatt/Michael E. Doherty/William Dragan, Information
Relevance, Working Memory, and the Consideration of Alternatives,
The Quarterly Journal of Experimental Psychology 1993, 759-788,
775; Jonathan St.B.T. Evans/Simon Venn/Aidan Feeney, Implicit and
Explicit Processes in a Hypothesis Testing Task, British Journal
of Psychology 2002, 31-46, 42.
|
| 46 |
Klayman, FN 1, 405.
|
| 47 |
Gadenne/Oswald, FN 27, 372.
|
| 48 |
Nur Indizien, die bei Vorliegen einer Hypothese
wahrscheinlicher sind als bei Vorliegen einer anderen Hypothese
stützen die erste Hypothese. Es genügt nicht, dass sich
die Beweismittel mit einer Hypothese «vereinbaren» lassen,
siehe dazu Mark Schweizer, Intuition,
Statistik und Beweiswürdigung, Justice – Justiz – Giustizia
2006/4, Rz. 11 ff.
|